Wird der Hochschulstandort Brandenburg unattraktiv?




Brandenburg ist Hochschulstandort? Und dann auch noch attraktiv? Ja, wirklich! Zumindest bis jetzt noch. Aber fangen wir beim Anfang an: Seit dem Wintersemester 2001 gibt es an der Fachhochschule Brandenburg ein Semesterticket. Für knappe einhundert Euro stehen uns für sechs Monate so gut wie alle öffentlichen Verkehrsmittel im Land Brandenburg zur Verfügung. Wer also täglich die Straßenbahn benutzt, mit dem Zug aus dem Umland anreist oder gelegentlich mal in die Bundeshauptstadt fährt, bekommt dies zu studentengerechten Konditionen. Bereits die Tatsache, daß selbst von den im Praxissemester befindlichen oder anderweitig nicht präsenten Studierenden weniger als 15% einen Antrag auf Rückerstattung des Tickets stellen, belegt dessen Akzeptanz. Tatsächlich hat das Semesterticket auch Einfluß auf unseren Neuzuwachs an Studierenden. Mögen hier vielleicht die Nähe zum Elternhaus oder die Qualität der Lehre die vorderen Ränge einnehmen, so spielen finanzielle Aspekte gewiß keine untergeordnete Rolle -- der preiswerte Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr hat positive Auswirkungen auf Brandenburg als Hochschulstandort.

Zurück zur Fragestellung: Warum sollte Brandenburg nun plötzlich unattraktiv werden? Weil, insbesondere bezogen auf den Personennahverkehr innerhalb der Stadt Brandenburg, unser Semesterticket völlig wertlos zu werden droht. Die Brandenburger Verkehrsbetriebe sollen nach derzeitiger Planung bis 2009 jährlich 2 Mio. Euro weniger Zuschüsse erhalten, etwa ein Drittel der derzeitig Beschäftigten muß damit in den kommenden Jahren "abgebaut" werden. Daraus resultierend sind derzeit folgende Einschnitte in das städtische Verkehrssystem in Planung, die am <hint>26. Oktober 2005 der Stadtverordnetenversammlung</hint> zum Beschluß vorgelegt werden: Wer gut zu Fuß ist, braucht vom Stadtzentrum kaum mehr als 15 Minuten bis zum Campus und ist bereits jetzt kaum langsamer als mit der Straßenbahn, eine durchschnittliche Wartezeit von sieben Minuten mit eingerechnet. Bahnen, die nur alle 20 oder 30 Minuten fahren, sind damit sogar noch langsamer als Fußgänger.

Nachtbusse? Nachtbusse. Sternenkreuzer! Derzeit bringen sie einen bis in die frühen Morgenstunden schnell und sicher in jeden Bereich Brandenburgs. Ist studentisches Nachtleben ohne Nachtbusse denkbar? Berücksichtigt man das sowieso schon "üppige" Angebot an abendlichen Zeitvertreiben, dann erscheint es ziemlich abwegig, den Aktionsradius der Studierenden auch noch auf einen 15-Minuten-Radius um die eigenen vier Wände herum einzuschränken.

In seiner Begrüßungsrede an die diesjährigen Studienanfänger brachte es AStA-Vorsitzender Christian Goutrie auf den Punkt: "Gerade der für uns Studenten so wichtige Nachtverkehr wird wohl schmerzhafte Einschränkungen hinnehmen müssen. Immerhin sind wir mit unserem Semesterticket knapp 2500 zahlende, wenn auch nicht immer fahrende Kunden. [...] Bringt euch ein, bewegt etwas, macht Brandenburg zu einer echten Hochschulstadt!" -- Gut gesagt, aber leider völlig unangebracht. Wie bereits die Antwort von Frau Dr. Tiemann, der Oberbürgermeisterin Brandenburgs, hierauf zeigt, besteht eines der Hauptprobleme der Stadt darin, daß die Studierenden von der Politik vielmehr als Störfaktor denn als Wirtschaftskraft oder gar als Chance für Brandenburg begriffen werden. Aus Sicht des Autors sagte Frau Dr. Tiemann da nämlich nichts anderes, als daß wir uns glücklich schätzen sollten, daß in Brandenburg überhaupt noch öffentlicher Personennahverkehr fährt und daß wir uns nicht darüber beschweren sollten, daß die Bedingungen, zu denen der Semesterticketvertrag geschlossen wurde, nicht einmal annähernd dieselben waren, zu denen wir unser Semesterticket ab dem nächsten Jahr nutzen dürfen.

Was bleibt uns da übrig? Lohnt sich das Semesterticket für Studierende, die auf die 100.- Euro Begrüßungsgeld hereingefallen sind und ihren Wohnsitz ins "ruhige" Brandenburg an der Havel verlegt haben?


Jan Tobias Mühlberg
jtmuehlberg@gmail.com




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Jan Tobias Mühlberg, 1.1, Tue, 23 Feb 2010 15:16:43 +0000